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Salim Bachi: Der Hund des Odysseus

Gleich mit drei französischen Literaturpreisen wurde das Erstlingswerk des 1971 geborenen Salim Bachi bedacht, und er hat sie wahrlich verdient. Mit großer sprachlicher Virtuosität beschreibt er in seinem Roman "Der Hund des Odysseus" einen Tag in dem von Hoffnungslosigkeit und Langeweile geprägten Leben des jungen Studenten Hussein. Es ist der 29. Juni 1996, der vierte Jahrestag der Ermordung von Staatspräsident Boudiaf. Das Militär hatte in Mohammed Boudiaf nach der Annullierung der Parlamentswahl 1992 einen ehemaligen Befreiungskämpfer aus dem Exil geholt, der sich den Kampf gegen die Korruption im Lande zum Ziel gesetzt hatte. Er wurde von einem Mitglied seiner Leibwache ermordet, und Militär und Islamisten schoben sich gegenseitig die Schuld dafür in die Schuhe.

Wechselnde Erzählperspektiven, Rückblenden und Imaginationen brechen die Zeit- und Raumkonstruktion des eigentlich auf wenige Stunden begrenzten Romans immer wieder auf. Hin- und hergerissen zwischen Wahn und Wirklichkeit, erlebt der Protagonist den algerischen Bürgerkrieg. Im Kontext der omnipräsenten Gewalt, die von allen Beteiligten sowohl ausgeübt als auch erduldet wird, ist der Tod alltäglich. Der Polizeioberst trägt den Namen Maut, zu deutsch Tod, und sein für Exekutionen zuständiger Kollege heißt bezeichnenderweise Seif, was Schwert bedeutet.

In Rückblenden werden die Ereignisse, die zum Ausbruch des Bürgerkrieges führten, eingeflochten. "Am 5. Oktober stürzte sich ein Teil unserer Jugend in die Straßen Algiers mit der Gewalt eines Hochwasser führenden Flusses. Die Repression war grausam. Mit Leichen beladene Lastwagen fuhren durch die Straßen Algiers. Die friedliche Demonstration, die im Blut ertrank, diente einer Bewegung als politische Bühne, die sich von nun an hinter Toten, Verschwundenen, verstümmelten Witwen und Kindern verstecken konnte."

Im Bürgerkrieg schließen sich auch Husseins Freunde entweder den Islamisten oder den staatlich gelenkten Sicherheitskräften an. Doch der Krieg produziert mit anhaltender Dauer ein Zerrbild, im dem sich Kämpfer und Bekämpfte immer ähnlicher werden. Hart lässt Bachi den Freund des Protagonisten urteilen, wenn er sagt: "Die religiösen Parteien sind vor allem das Produkt des Systems, das seit der Unabhängigkeit an der Macht ist."

Wer ins Ausland fliehen kann, hat Glück gehabt. Dem Rest der Bevölkerung, und Hussein gehört dazu, bleibt nur die Flucht in Alkohol, Drogen und sexuelle Phantasien, um der alltäglichen Agonie zu entfliehen. Die Zeiten sind schwierig, und in Algerien stirbt man schnell in jenen Tagen. Der Hund des jugendlichen Odysseus macht da keine Ausnahme.

Salim Bachi: Der Hund des Odysseus. Lenos Verlag, Basel 2003.