Amnesty International Algerien-Koordination

Impressum | Login

Algerien-Koordination

StartseiteBuchbesprechung

Hamid Skif: "Sehr geehrter Herr Präsident"

Schon früh geriet Hamid Skif aufgrund seiner gesellschaftskritischen Texte in Konflikt mit dem Regime. Er arbeitete für die Tageszeitung La République und gründete den Algerischen Schriftstellerverband. Sein Einsatz für Meinungsfreiheit und Pluralismus fand jedoch sowohl beim algerischen Regime als auch bei den Islamisten wenig Zuspruch. Im Gegenteil: er wurde verhaftet und sah sich nach seiner Freilassung Todesdrohungen ausgesetzt. Er überlebte mehrere Anschläge. Nach dem gewaltsamen Tod seines Cousins floh er mit seiner Familie nach Deutschland, wo er seit 1999 als "Writer in Exile" Gast des deutschen PEN-Zentrums ist.

In seine Büchern gibt er den Menschen seines Landes eine Stimme, so auch in dem Roman "Sehr geehrter Herr Präsident". In den gesammelten Briefen eines kauzigen Rentners an den neu gewählten Präsidenten werden die Sorgen und Nöte der kleinen Leute beleuchtet. Ihre Hoffnungen auf eine Verbesserung der politischen und sozialen Umstände einerseits und andererseits die Probleme von ausbleibenden Rentenzahlungen und unbezahlbaren Brillenreparaturen über fehlende Arbeitsplätze bis hin zu willkürlicher Verhaftung und Folter in Gefängnissen werden dermaßen sarkastisch beschrieben, dass das Lachen bisweilen im Hals stecken bleibt. Der ehemalige Lehrer H.B. will seine Erfindung eines Rechenschiebers patentiert wissen und fordert gleichzeitig Arbeitsplätze für seine Kinder und die Auszahlung seiner Rente. Versichert der Briefeschreiber den Präsidenten anfangs in jedem Brief seiner ungeteilten Solidarität, so verschafft sich im Laufe der Monate seine Enttäuschung über die Politik immer mehr Raum. In seinen Briefen spiegelt sich auch die jüngste Geschichte Algeriens, in der soziale Ungleichheit und ein korruptes System das Land an den Rand des Ruins trieben und damit den islamistischen Gruppen Zulauf verschafften. Der Ausbruch des Bürgerkrieges war die Folge.

Die kafkaeske Weltsicht des Rentners entfaltet durch absurden Witz eine scharfsinnige Gesellschaftskritik. Angesichts ausbleibender Reformen und Rentenzahlungen und angesichts fehlender Antworten auf seine Briefe ruft der Rentner in seinem Stadtviertel eine eigene Republik aus, deren Emblem einen Brotlaib enthält. Seinen Sohn ernennt er zum Finanzminister und seine Tochter macht er zur Chefsekretärin. Als schließlich der örtliche Polizeibeamte in seinem Haus nach Drogen fahndet, schreibt er einen letzten Brief und belegt den Präsidenten darin mit wüstesten Beschimpfungen, von denen "Gangster, Räuber und Vollidiot" noch die harmlosesten sind.

Hamid Skif: "Sehr geehrter Herr Präsident". Verlag Edition Köln, Köln 2003.